huffpost.com: Volker Handon – Day-Trader an den internationalen Finanzterminbörsen

huffpost.com: Volker Handon – Day-Trader an den internationalen Finanzterminbörsen

Schon während meiner Kindheit habe ich mehr Zeit mit irgendwelchen Spielchen verbracht als andere Kinder in meinem Alter.

Allerdings interessierte mich schon damals nahezu ausschließlich die messbare Leistung, der Wettbewerb. Bauklötze stapeln oder Modellflugzeuge zusammenbasteln – geschenkt, das war überhaupt nicht mein Ding. Ich brauchte immer einen Gegner.

Einfach nur irgendein Ziel erreichen, das reizte mich nie. Ein Spiel, bei dem es keine Gewinner und Verlierer gab, empfand ich als ziemlich langweilig, eine wertlose Zeitverschwendung.

Ohne diese Freude am permanenten Wettbewerb hätte ich die letzten 25 Jahre sicher nicht als Wertpapierhändler verbracht und wäre auch nicht bis heute als Day-Trader am Finanzmarkt unterwegs.

Die oft beschriebene Gier der Banker mag für viele Marktakteure ein starkes Motiv sein, doch dahinter steckt bei allen, die ich im Lauf meiner Karriere kennengelernt habe, eine große Leidenschaft am Spiel.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Die Psycho-Trader

Es ist die pure Lust am Gewinnen, ohne die für mich die Bereitschaft zum Risiko nicht erklärbar ist. “Spieler” oder “Zocker” scheint mir eine ehrliche Bezeichnung für die Spezies der Börsenhändler und Investmentbanker.

Mehr noch: Über eine starke Spielernatur zu verfügen, halte ich für eine absolut notwendige Bedingung für diesen Job.

Als ich Ende der achtziger Jahre das Parkett betrat, wurden Börsenhändler noch ganz selbstverständlich als Spekulanten bezeichnet – was Kern und Wesen unserer Arbeit ziemlich präzise beschreibt: auf die Entwicklung von Märkten und Kursen zu spekulieren und durch den möglichst optimal gewählten Zeitpunkt für Käufe oder Verkäufe einen maximalen Gewinn zu erzielen – that’s it.

Aber würden Sie einem Spekulanten, Spieler oder Zocker wirklich Ihr Erspartes zur weiteren Vermögensvermehrung anvertrauen? Natürlich nicht!

Begriffe wie Investor oder Anleger klingen da heute doch deutlich seriöser, aber sie meinen exakt dasselbe.

Ich habe mir eine Zeit lang den Spaß gemacht, mir die morgendliche S-Bahnfahrt in mein Büro nach Frankfurt mit dem Erraten von Berufen zu verkürzen.

Ich beobachtete meine Mitfahrer und versuchte anhand ihrer Kleidung, ihres Verhaltens und der Gespräche, die sie führten, herauszufinden, welcher Arbeit sie wohl nachgingen.

Wenn ich mir sicher war, den richtigen Beruf identifiziert zu haben, verglich ich ihren Arbeitstag mit meinem.

Keine Ahnung, warum ich das tat, aber es löste anfangs eine gewisse Befriedigung in mir aus: das Gefühl etwas Privilegiertes und im Vergleich zu meinen Mitfahrern ganz Außergewöhnliches zu leisten.

Dieses Hochgefühl wich, je öfter ich diesen Abgleich vornahm, allerdings schnell der Erkenntnis, dass ich selbst im Unterschied zu diesen wirklich Berufstätigen einer recht sinnfreien Tätigkeit nachging: Ich war und bin ein Börsenhändler, der kein nützliches Produkt herstellt oder eine hilfreiche Dienstleistung anbietet, sondern der nichts weiter tut, als in einer virtuellen Welt mit großen Zahlen zu jonglieren.

Fragen nach meiner eigenen beruflichen Tätigkeit beantworte ich deshalb eher ungern oder bezeichne mich eben eher einsilbig als “Berufsspieler” oder “Extremsportler”.

Trotzdem habe ich mich des Öfteren zu einer ausführlicheren Antwort verleiten lassen – und war dann in solchen Gesprächen immer wieder sehr über die enorme Ahnungslosigkeit erstaunt, die meine Fragesteller offenbarten.

Die meisten tappten, was die Finanz- und Kapitalmärkte betrifft, völlig im Dunkeln. Ihr Wissen beschränkte sich auf wenige Begriffe, deren tiefere Bedeutung sie in keiner Weise durchdrungen hatten.

Hier von Halbwissen zu reden, wäre eine echte Übertreibung. Was mich aber viel mehr überraschte: Mir wurde von vielen meiner Gesprächspartner für meine Tätigkeit, das Spielen an der Börse, eine skurrile Bewunderung zuteil.

Wer nichts weiß, muss eben viel glauben – und dieser Glaube scheint schwer zu erschüttern. Keiner, mit dem ich über meine Arbeit sprach, fragte mich je, welche Rolle er selbst in meinem Spiel tagtäglich innehätte.

Niemand scheint sich dafür zu interessieren, woher im Erfolgsfall meine Entlohnung und die Boni meiner Kollegen kommen und wer dafür bezahlt.

Unabhängige Händler wie ich scheinen für Otto Normalverbraucher Aliens zu sein, die auf ihrem eigenen Planeten arbeiten und von dort ihr vieles Geld zur Erde mitbringen. In vielen Gesprächen habe ich mich bemüht, einige Grundzüge des Finanzwesens näher zu erläutern.

Doch selbst wenn ich meine Zuhörer mit der Tatsache konfrontiere, dass sie mit ihrem Geld und ihrem Ersparten, das sie “investieren”, vor allem mein Gehalt und die Prämien meiner Kollegen bezahlen, ernte ich in aller Regel ungläubige Verständnislosigkeit: “Jetzt übertreib mal nicht, so schlimm kann es ja wohl nicht sein.”

Volker, dachte ich in solchen Momenten oft, du bist im Tal der Ahnungslosen angekommen. Und wenn ich mich in der aktuellen Gegenwart umschaue, muss ich feststellen, dass ich mich noch immer dort befinde. Während der letzten drei Jahrzehnte hat sich der Nebel in Sachen Finanzen kaum gelichtet.

Trotz Bergen von Büchern zu den Ursachen der Finanzkrise, die gerne gekauft, aber offensichtlich nicht gelesen werden, trotz Internet und einer Vielzahl anderer Medienkanäle – solange ich Sätze höre wie “Ich investiere in …” oder “Ich lege mein Geld an …”, hat die Mehrheit noch immer nichts begriffen.

Alle diese Sätze sind nette und verharmlosende Kuschelbegriffe, die das Risiko von Entscheidungen verschleiern sollen.

Ich blicke noch immer viel zu oft in verständnislose Gesichter, wenn ich zu veranschaulichen versuche, dass es tatsächlich nicht den geringsten Unterschied zwischen investieren, anlegen und wetten gibt und dass der Erfolg solcher Wetten allein von Eintrittswahrscheinlichkeiten und unterschiedlichen Zeiträumen abhängt.

Bei echter Transparenz müsste sich jedes Finanzprodukt für die Alterssicherung selbst als Wette oder Spekulation outen – aber wer würde es dann noch kaufen?

Alle, die diese weichgespülten Begriffe benutzen, sind entweder Dienstleister wie Vermögensverwaltungen oder Finanzproduktentwickler wie Banken und Versicherungen, die ausschließlich ihre eigenen Profitinteressen verfolgen. Doch das mag niemand hören.

Auch hege ich den Verdacht, dass noch immer viele glauben, sie hätten mit der Börse nichts am Hut, nur weil sie selbst keine Aktien besitzen.

Irrtum!

Auch mit Ihren Lebensversicherungen und Riester-Sparverträgen sitzen Sie mit am großen Spieltisch im globalen Finanzkasino. Natürlich nicht Sie selbst, aber Ihr Geld, das die Einsätze generiert, mit denen andere hier spielen.

Es ist schizophren: Die Bonuszahlungen an Spitzenbanker und deren Festgehälter werden zwar gerne lauthals kritisiert und missgünstig verachtet, aber insgeheim auch unglaublich bewundert. Ich habe das selbst immer wieder erlebt: Je höher der Bonus eines Händlers, desto größer fällt die Bewunderung seines sozialen Umfelds aus. Selbst entfernte Bekannte rühmen sich dann, einen solchen Großverdiener zu kennen.

Big Money wirkt eben ziemlich betörend. Auf mich hat das schon immer den Eindruck gemacht, als würden Schafe die Erfolgsbeteiligung bewundern, die ihre Schlächter nach getaner Arbeit erhalten.

Das Verrückte dabei ist, dass weder Schafe noch Anleger wissen, dass sie selbst die Opfer sind.

Wie sollte man sonst erklären, warum es nach wie vor so viele Schafe gibt, die bereitwillig anderen ihr hart erarbeitetes Geld anvertrauen?

Sie geben es Leuten, die sie weder persönlich kennen noch deren Fähigkeiten und berufliche Qualifikationen sie auch nur ansatzweise beurteilen können.

Das Vertrauen der Schafe in eine ganze Branche ist grenzenlos und trägt pathologische Züge. Das Image der Finanzbranche ist trotz der großen Krise nach wie vor so gut, und die Versprechen sind so glaubhaft, dass der Geldstrom, mit dem sie gefüttert wird, nicht abreißt.

Die Politik spielt dabei gerne den Schäferhund, der die Herde in die Arme ihrer Schlächter treibt – mit Schauermärchen wie der Altersarmut, die nur erfunden wurden, um neue Geschäfte fürs globale Finanzkasino zu generieren.

Reines Politmarketing! Würde die Politik Altersarmut wirklich als Bedrohung für einen großen Teil der Bevölkerung ernst nehmen, müsste sie über eine intelligente Reform der Rentenversicherung nachdenken, anstatt die Finanzwirtschaft dabei zu unterstützen, neue Zockerprodukte auf den Markt zu werfen.

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