berliner-zeitung.de: Interview mit Börsenhändler Volker Handon

berliner-zeitung.de: Interview mit Börsenhändler Volker Handon

Spielen ist seine große Leidenschaft. Sein Spieltrieb hat ihn Ende der 80er-Jahre an die Frankfurter Börse gebracht – und hält ihn dort bis heute. Über seine Erlebnisse und Erkenntnisse der vergangenen 25 Jahre hat Volker Handon nun ein Buch geschrieben. Mit „Die Psycho-Trader“ gewährt Handon einen Einblick in das „Innenleben“ unseres aus seiner Sicht „kranken Finanzsystems“. Er zeichnet dabei ein wenig schmeichelhaftes Gemälde einer ganzen Branche.

Herr Handon, lieben oder hassen Sie Ihren Job?

Am Anfang habe ich ihn geliebt. Ich hatte das Gefühl, zu einer ganz besonderen Spezies zu gehören, was ja auch irgendwie so war. Damals, bei der Geburtsstunde der Deutschen Terminbörse, waren wir nur ein kleiner Haufen, keine 100 Leute, die an der Börse ausgebildet wurden. Das allein hat schon geschmeichelt. Und dann das viele Geld, das man als junger Mensch verdient hat. Das war schon eine faszinierende Welt.

Und später?

Im Laufe der Jahre kehrt so viel Routine und vor allem so viel Erkenntnis ein, dass die Sache sich verändert, sie mutiert. Heute läuft bei mir jeder gewonnene Euro in diesem Spiel nur noch unter der Kategorie Schmerzensgeld. Damit will ich kein Mitleid erwecken, aber es ist der Ausgleich für vollkommen verschwendete Lebenszeit.

Wieso verschwendet?

Weil ich einer völlig sinnfreien Tätigkeit nachgehe. Ich bin ein Börsenhändler. Ich stelle kein nützliches Produkt her oder biete eine hilfreiche Dienstleistung an. Ich spiele in einer virtuellen Welt mit großen Zahlen. Das ist alles.

Und das erschüttert Sie?

Was mich wirklich erschüttert, ist, dass die Menschen überhaupt keinen Schimmer haben, was an der Börse eigentlich passiert. Diese andauernde, totale Ahnungslosigkeit, die hätte ich nie erwartet. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, in welchen gesellschaftlichen Schichten man verkehrt. Ahnungslosigkeit, wo du hinschaust.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Als würden Schafe die Erfolgsbeteiligung bewundern, die ihre Schlächter nach getaner Arbeit erhalten.“

Ich habe das ein bisschen despektierlich ausgedrückt, aber das trifft die Sache auf den Punkt: Die Leute meinen wirklich, sie haben nichts mit dieser Branche zu tun, wenn sie kein Online-Depot haben. Dabei sind sie alle mit dabei. In jeder Sekunde. Ich habe bisher nur ganz wenige Menschen kennengelernt, die tatsächlich keinerlei Produkte haben, die an der Börse von links nach rechts geschoben werden.

Was heißt denn alle?

Alle, die einen Bausparvertrag haben, eine Rürup-Rente, Riester-Rente, betriebliche Altersversorgung, eine Lebensversicherung oder irgendwelche Pensionssparpläne – völlig egal. Am Schluss sind alle auf dem großen Spielfeld dabei. Und das ist den Leuten vollkommen unklar.

Und was passiert dort mit ihnen?

Sie werden abgezockt. Geht Ottonormalo an die Börse, wird er ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

Von wem?

Von allen. Die gesamte Infrastruktur rund um die Börse ist darauf angelegt, ihn zu schröpfen.

Wie das?

Ist er selbst an der Börse aktiv, wird er mit völlig überhöhten Clearinggebühren geschröpft. Das heißt, die kontoführende Bank muss die Geschäfte verbuchen, und für dieses Clearing verlangt sie einen Obolus. Und da halten die Banken die Hand auf, das kann man sich nicht vorstellen. Erwirbt er selbst einen Fonds oder Ähnliches, passiert das ganze via Depotgebühren, Fondsmanagementgebühren, Gewinnbeteiligungen und so weiter. Letztlich ist das Ganze eine große Geldumverteilungsmaschine. Die Renditen der supertollen Fonds müssen schließlich von irgendwem bezahlt werden. Die fallen nicht vom Himmel.

Welche Rolle spielt dabei der Börsenhändler?

Er ist ein Schmarotzer. Er versucht, vom Kunden A Geld zu nehmen und sich das in seine linke Tasche zu stecken und das beim Kunden B gleich zu wiederholen …

… und er macht Preise an der Börse.
Das ist aber eine Tätigkeit, die dazu führen muss und soll, sich an dem Geld anderer zu bereichern. Es ist im Grunde genommen ein sehr raffiniertes Raubrittertum, was dort abläuft. Und das Ganze wird mit dem Argument der Liquiditätsstellung begründet: Weil wir dafür sorgen sollen, dass jeder Marktteilnehmer zu jeder Zeit einen Käufer oder Verkäufer für seine Wertpapiere finden kann, müsst ihr tolerieren, dass wir euch für diese supertolle Dienstleistung pausenlos Geld wegnehmen.

Was macht denn der normale Sparer denn nun am besten?

Wenn man sparen will, dann sollte man von seinem Einkommen einfach Geld zurücklegen. Man sollte nicht auf den Zinseszins-Effekt hoffen, und man sollte nicht denken, dass man auf Dauer und nachhaltig an der Börse Wohlstand generieren kann. Ich halte die Behauptung, der Aktienmarkt sei eine zuverlässige Säule für die Altersvorsorge einer breiten Bevölkerungsschicht, für eine vorsätzliche Volksverdummung.

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