belleslettres.eu: Warum schreiben wir von links nach rechts? Gibt es unter den Arabischsprechern mehr Linkshänder als bei uns?

belleslettres.eu: Warum schreiben wir von links nach rechts? bt es unter den Arabischsprechern mehr Linkshänder als bei uns?

Seit Jahren betreibt die Zeit eine Kolumne mit dem Namen Stimmt’s? Christoph Drösser beantwortet darin Fragen von Lesern zu den Ge­wiß­heiten dieser Welt. Kürz­lich fragte ein Leser: Gibt es in ara­bischen Län­dern besonders viele Links­händer?
Nicht mehr als hierzulande, antwortete Herr Drösser, und er gibt fol­gen­den Grund an:
Die arabische Schrift wird, anders als unsere, von rechts nach links geschrieben. Linkshänder in arabischen Ländern haben es also leich­ter — trotzdem gibt es dort nicht mehr von ihnen als in west­lichen Staa­ten. Die Hän­dig­keit ist eine genetisch bedingte Prä­ferenz, und es ist noch nicht voll­stän­dig er­klärt, warum welt­weit etwa 90 Pro­zent der Men­schen als Rechts­händer ge­boren werden.
Christoph Drösser: Gibt es in arabischen Ländern besonders viele Linkshänder? In: Die Zeit, Hamburg, 14.6.2012, Nr. 25; online 20.6.2012
Nichts ist geklärt. Es gibt keine wissenschafliche Theorie zur Präferenz der rech­ten Hand, die in der Forschung nicht auf gra­vieren­den Ein­spruch stieße oder gar eine Mehrheit fände.
Gene­tisch bedingt heißt ja, daß es eine aus­drück­liche An­wei­sung für die Prä­ferenz der rech­ten Hand in un­se­rem Genom gibt — wie für die Form und Größe unserer Ohren. Genau das läßt sich aller­dings nicht er­wei­sen, da es un­glück­licher­weise ein­eiige Zwil­linge mit ver­schie­dener Hand­prä­fe­renz gibt. Auch das gene­tisch un­erwar­tete Auf­tre­ten von Links­händig­keit in einer Rechts­hän­der­fami­lie wäre dann nur durch Re­kombina­tion zu er­klä­ren, vor­zugs­weise im Um­kreis von Atom­kraft­wer­ken.
Ebensowenig ausdrücklich vorgeschrieben im mensch­lichen Genom wird übri­gens auch, daß alle Spra­chen dieser Welt die Sil­ben nach den glei­chen Prin­zi­pien bauen, näm­lich mit einer streng mono­tonen Kon­sonan­tizi­täts­kurve: Von den Rän­dern einer Silbe nimmt die Kon­sonan­tizi­tät der Laute zum Sil­ben­kern hin ab: Ver­schluß­laut-Rei­be­laut-Vokal-Reibe­laut-Ver­schluß­laut.
Es handelt sich dabei um ein Universale — etwas, was sich indirekt aus be­stimm­ten ana­tomi­schen und aku­sti­schen Ge­geben­heiten er­gibt, die selbst durch­aus gene­tisch fest­geschrie­ben sein, aber zudem auch in der Natur von Lau­ten lie­gen können.
Das beantwortet noch nicht die Frage, warum bei uns die Minder­heit der Links­händer die Schreib­hand wie eine Klaue hält, wäh­rend bei den Orien­talen der Stift von der rechts­händi­gen Mehr­heit schein­bar (!) ge­scho­ben wer­den muß. Des­halb fährt Herr Drös­ser fort:
Woher kommt dann die Schreibrichtung im Arabischen oder auch im Hebräischen? Früher wurde nicht mit Füller ge­schrieben — meißelt oder ritzt man Buch­sta­ben in Stein oder Ton­tafeln, ist die Rich­tung nicht so wichtig.
Christoph Drösser: Gibt es in arabischen Ländern besonders viele Linkshänder? In: Die Zeit, Hamburg, 14.6.2012, Nr. 25; online 20.6.2012
Eines vorweg: Die Antwort ist falsch, aber es ist für einen Journa­listen durch Re­cher­che nicht mög­lich, die Frage selbst kun­dig zu be­ant­wor­ten.
Die Erklärung erklärt zunächst einmal die Frage nicht, warum die semi­tischen Schrif­ten nach links lau­fen und die eu­ropä­ischen nach rechts, wo doch die Nut­zer bei­der Rich­tun­gen in der Mehr­heit Rechts­händer sind. Zu­dem gibt es kei­ne Schrift, bei der die Schreib­rich­tung bei Men­gen­texten un­wich­tig wäre.
Rechsläufige und linksläufge Schriften

Warum schreiben die Georgier ebenfalls von links nach rechts, obwohl ihre Schrift von der linksläufigen aramäischen abgeleitet ist? Die grie­chi­sche Schrift spielte bei ihrer Schöp­fung zwar eine gewisse Rolle, aber die aramäische Schrift als Haupt­grund­lage ist semi­tisch und rechtsbündig.
Georgische Schrift: Von links nach rechts.
Die georgische Schrift liest man von links nach rechts.
Ebenso linksbündig sind die Runen, die altindische Brāhmī-Schrift und dar­aus bis auf wenige Aus­nah­men alle spä­teren indi­schen Schrif­ten wie die Deva­nā­ga­rī oder die Tamil­schrift.
Rigveda in Devanagari-Schrift: Von links nach rechts.
Der erste Vers aus dem Rigveda in Devanāgarī-Schrift. Lies die erste Zeile von links nach rechts, dann die zweite usw. Die Pfei­le zeigen Zei­chen, die nach einem anderen Laut ge­spro­chen wer­den, in der Schrift je­doch davor ge­schrie­ben werden. Eckige Klam­mern mar­kie­ren die vielen Liga­turen, die es in der Deva­nāgarī-Schrift gibt. Über­set­zung: Agni rufe ich als zu­stän­digen Priester, als gött­lichen Opfer­prie­ster, als lohn­brin­gen­den Rufer.
Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, daß die Brāhmī wie die aramäische von der phönizischen Schrift herstammt und es frühe, ein­zel­ne Be­lege für Links­läufig­keit gibt. Wieso haben die Be­nutzer der Brāhmī die Schrift­rich­tung also ge­ändert? Die etwa zur selben Zeit verwendete Ka­rosh­thi-Schrift lief da­gegen mei­stens von rechts nach links. Auch sie kommt aus der phöni­zisch-aramä­ischen Schrift.
Dabei kann man eines beobachten: Räumlich und zeitlich begrenzte Schriften wie die Karoshthi behalten die Schreibrichtung des Ori­ginals, der phöni­zisch-aramä­ischen Schrift. Sind sie ver­brei­te­ter und länger in Ge­brauch, wech­seln sie die Schreib­richtung und laufen dann von links nach rechts. Und zwar immer dann, wenn diese Schriften eine indo­germani­sche oder andere nicht­semiti­sche Spra­che darstellen.
Die Schriften der semitischen Sprachen laufen dagegen aus­nahms­los von rechts nach links — selbst wenn sie Jahrhunderte oder Jahr­tau­sende in Ge­brauch sind.
Dabei sind die Schreibenden all dieser Schriften in der absoluten Mehr­heit Rechts­hän­der. Rechts­händig­keit kann also kein Grund für die Schreib­rich­tung sein.
Hinzu kommt noch, daß Schriften ja nicht nur ge­schrie­ben, son­dern min­destens so in­ten­siv ge­le­sen wer­den. Wir setzen ja Bü­cher auch nicht so, daß es für den Schrift­setzer be­son­ders an­genehm ist, ist sie zu set­zen — son­dern für den Leser. Blei­satz im Block mit idea­len Wort­abstän­den — das ist bis heu­te unser ästhe­ti­sches Ideal beim Schrift­setzen — be­rei­tete dem Set­zer bis vor kurzem al­ler­höch­stes Be­schwer. Und auch heute ist perfekter Satz eine Kunst, die nur wenige Druck­sachen erreichen.
Am Anfang stehen das Ägyptische und die Linksläufigkeit

Beginnen wir vorne: Alle bisher erwähnten Schriften, alle europä­ischen, in­di­schen und se­miti­schen, gehen auf die phöni­zisch-aramä­ische Kon­sonan­ten­schrift zurück, diese auf das proto­semiti­sche Al­pha­bet, des­sen Zei­chen­inven­tar und de­ren Zei­chen­namen mit ziem­licher Gewiß­heit aus ägyp­ti­schen Hie­ro­glyphen ge­schöpft sind. Die­ses Tuto­rial zeigt die­se Gewiß­heit an einem Buch­sta­ben, dem Het.
Von den Ägyptern stammt auch die Linksläufigkeit, also die Schreib­rich­tung von rechts nach links, die im Se­miti­schen bei­behal­ten und sonst­wo im indogermanischen Sprach­kontinuum in die Gegen­rich­tung ver­kehrt worden ist.
Die Behauptung Herrn Drössers, daß die ägyptische Schrift gemeißelt oder geritzt wurde, stimmt nicht. Die Stein­hiero­gly­phen (La­pidar­schrift) sind nicht die Basis, von der die späteren Alpha­bete ab­gelei­tet wurden.
Hieroglyphen auf der Wand eines ägyptischen Tempels
Steinhieroglyphen
Wer heute an Hieroglyphen denkt, denkt an Steinhieroglyphen — jedoch allein deshalb, weil deren Text­denk­mäler sich gut erhalten haben und heute für je­der­mann in Tem­peln und Museen zu be­sichti­gen sind. Das ist aber gerade einmal seit hun­dert­fünf­zig Jahren so. Diese Denk­mäler standen ur­sprüng­lich nämlich an Stel­len, die normalen Menschen un­zu­gäng­lich waren.
Karnak-Tempel
Hof und Pylon im Tempel von Karnak: Heute eine der wich­tig­sten At­trak­tionen Ägyptens, im alten Ägypten für Men­schen ab­solut un­zugäng­lich.
Zudem haben die Ägypter Hieroglyphen nur auf ägyptischem Grund und Boden benutzt, im di­ploma­tischen Verkehr und Handel verwendeten sie die Keilschrift.
Wir dürfen also mit Gewißheit annehmen, daß die Erfinder der proto­semiti­schen Alphabete Stein­hiero­glyphen nie­mals zu Gesicht bekom­men haben. Diese Lapidarschrift ist eine reine Dekor­schrift, die nur ganz wenige Stein­metze kann­ten. Sie ver­stan­den sie wohl auch nicht recht, da Stein­denk­mäler vom Vor­zeich­ner vor­gezeich­net wurden, bevor man zum Meißel griff.
Als Dekorschrift können Steinhieroglyphen in jede Richtung geschrieben werden. Da Bau- und Kunstwerke sym­me­trisch sind, fin­det man zum Bei­spiel über Türen ach­sen­sym­metri­sche Lauf­richtun­gen, wobei ein Satz zweimal da­steht, auf der linken Seite links­läufig, auf der rech­ten Seite rechts­läufig.
Symmetrische Hieroglyphen
Achsensymmetrische Hieroglyphen auf einer Hathorsäule in Bahari. Die linke Seite ist links­läu­fig, die rechte rechts­läufig.
Beachte, daß das dritte Zeichen von der Achse aus in sich nicht symmetrisch ist und ge­spie­gelt wird. Die ersten beiden Zeichen sind dagegen in sich symmetrisch.
In der Steinschrift werden Zeichen auch sehr gern aus ästhetischen oder kul­ti­schen Grün­den um­ge­stellt. In der Papyrus­schrift, die zur Lektüre gedacht war, kommt das nur bei gängigen Siglen vor.
Im Tutorial über die Erfindung der Schrift und der ägyptischen Hiero­gly­phen haben wir erfahren, daß die bildlichen Stein­hiero­glyphen eine Stili­sie­rung der Schreib­schrift waren und nicht um­gekehrt die Schreib­schrift eine Kur­si­vie­rung der Stein­hiero­glyphen, wie Un­kundi­ge ad hoc annehmen.
Die Schrift wurde also als Schreibschrift erfunden, die wir Hieratisch nen­nen. Sie ist der Ursprung der Schrift. Sie ist die einzige Schrift, mit der man Texte auf neutrale Medien wie Papyri oder Ostraka schrieb.
Der Schriftträger verhält sich also neutral zum Text, während bei Stein­hiero­gly­phen der Träger Teil der Syn­tax des Textes ist. Auf dem Sarkophag in der Cheops­pyramide steht der Name Chufu. Das ist das Subjekt, der ge­samte Pyra­miden­komplex darum herum das Prädikat. Text und Text­trä­ger bilden ge­mein­sam eine Aussage, so wie heute noch auf Grab­stei­nen und Laden­schil­dern.
Auch die Entscheidung zur Linksläufigkeit fällt allein im Hieratischen. Das Alt­hiera­tische im Alten Reich wird aus­schließ­lich von oben nach un­ten ge­schrie­ben.
Althieratisch
Althieratisch — Bild: Georg Möller: Hieratische Paläographie. Erster Band: Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie. Leipzig 1909. Tafel II: Gerichtsprotokoll aus Elephantine, 6. Dynastie.
Althieratisch
Ebenfalls Althieratisch — Georg Möller: Hieratische Paläographie. Erster Band: Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie. Leipzig 1909. Tafel III: Hatnub, No. 14, Zeile 2-13 [gekürzt], Text aus dem vierten Jahre des Fürsten Nhrj, 11. Dynastie.
Trotz der vertikalen Schriftrichtung liegt der Ursprung der Schrift rechts, da die Figuren dorthin blicken. Die Entscheidung zur Links­läufig­keit der Schrift fand also statt, bevor man von der Verti­kalen in die Hori­zontale wechselte. Es muß eine bewußte Ent­schei­dung gewesen sein, weil sie kon­sequent befolgt wurde.
Über den Grund können wir nur spekulieren. Einem Ägypto­logen fallen dabei zum Beispiel die Himmels­rich­tun­gen und die be­son­dere Orien­tie­rung im Raum der Ägypter ein, was auf intel­lek­tuel­le Gründe und nicht auf prag­mati­sche schlie­ßen läßt.
Wir wollen darauf nicht näher eingehen, da das Wichtige aus den sicheren Fakten hervortritt: Die Rechts­bündig­keit bestand schon in Zeiten, wo man ver­ti­kal schrieb. Sie kann also nicht auf Rechts­händigkeit, Schreib­hal­tung oder ähnlichen schreib­techni­schen Grün­den be­ruhen, wie der Gefahr, frisch Ge­schrie­benes mit der Schreib­hand zu ver­wischen. Das ist ohne­hin abwegig, weil dieses System aus einer Zeit stammt, als man noch lange keinen län­ge­ren Texte nie­der­schrieb, die aus meh­reren Spalten bestanden. Und in den Fällen, wo es doch vorkam, schrieb man sie nicht zügig als Mengentexte.
Der Wechsel zur Horizontalen vollzieht sich im Mittel­hierati­schen. In jener Zeit, ab 2000 vor Christus etwa, ent­steht in Ägyp­ten die Li­tera­tur und damit erst der Men­gen­text. Das folgende Bei­spiel zeigt, daß der Wechsel in­ner­halb eines Textes vorkommen kann:
Schriftprobe Althieratisch
Mittelhieratisch: Die rechte Seite ist hori­zon­tal und die nach­folgen­de Seite links ver­ti­kal. In einem ande­ren Text (Schriff­brüchiger) ist es um­gekehrt. — Georg Möller: Hiera­tische Paläo­graphie. Er­ster Band: Bis zum Be­ginn der acht­zehn­ten Dy­na­stie. Leipzig 1909. Tafel VI: Aus der Ge­schich­te des Sinuhe, Berlin Papyrus 3022, 12./13. Dynastie.
Der Wechsel von der Vertikalen zur Horizontalen muß durch einen wichtigen und äußeren Grund ausgelöst worden sein. Die Umstellung ist den Ägyptern nämlich nicht leicht gefallen, wie wir aus zahl­rei­chen Schreib­fehlern und der Ver­jün­gung ein­zel­ner Zeichen in ihrer Breite sicher wissen.
Aus dem zweiten Teil unseres Tutorials über die Erfindung der Hie­ro­gly­phen wissen wir fer­ner, daß Papy­rus erstens sehr teu­er war und man durch Zei­len­schrei­bung mehr Zei­chen auf einer Seite unter­bringt als durch Spal­ten­schrei­bung. Zu­dem lief die Fase­rung des Papy­rus’ hori­zon­tal, und der Strich der Schreib­binse nimmt in jener Zeit Band­zug­charak­ter an, wäh­rend die Strich­stärke zuvor so gut wie nicht druck­sen­si­tiv war. Man konn­te den Pa­py­rus auch nicht ein­fach um neun­zig Grad dre­hen, weil man die Bö­gen nach dem Be­schrei­ben an­ein­ander­klebte und rollte.
Das sind die Gründe. Im Neuhieratischen wird dann nur noch horizontal von rechts nach links ge­schrie­ben, und das bie­tet spä­ter die Grund­lage für die proto­semiti­sche Schrift.
Schriftprobe Althieratisch
Neuhieratisch — Georg Möller: Hieratische Paläographie. Dritter Band: Bis zum Beginn der acht­zehn­ten Dyn­astie. Leip­zig 1911. Tafel X: Ber­lin, Papy­rus 3030, Seite 6.
Akustisches Lesen in der klassischen Antike

Wir müssen keinen Grund dafür finden, warum die semitischen Schriften bei dieser Richtung ge­blie­ben sind. Statt­dessen müs­sen wir uns die Frage stellen, wa­rum die nicht­semiti­schen Spra­chen die Schrift­rich­tung ver­kehrt haben und von links nach rechts schrei­ben.
Wie Herr Drösser richtig anführt, geschieht diese Änderung mit dem An­bruch der klas­sischen Antike. Über das klas­sische Rom und Grie­chen­land wissen wir, daß man dort laut las. Und zwar immer. In der Spät­anti­ke er­lang­te ein Bi­schof Welt­ruhm allein da­durch, daß er im­stan­de war, leise zu lesen, so wie es für den mo­der­nen Men­schen gang und gebe ist. Aber für die Men­schen der An­ti­ke grenz­te diese Fä­hig­keit an Ma­gie, so wie wir heu­te Men­schen bewun­dern, die Parti­turen lesen und dabei die Mu­sik in ihrem Kopf hören können.
Müssen wir heutzutage allerdings einen Text laut vorlesen, bekommen wir von seinem Inhalt viel weniger mit, als wenn wir still lesen.
Bei Legasthenikern ist es übrigens umgekehrt; sie zeigen erstaunliches Text­ver­ständ­nis beim Laut­lesen. Wir dürfen uns des­halb fra­gen, ob man ihnen in der klas­si­schen An­ti­ke auch eine Schreib­schwäche dia­gnosti­ziert hätte.
Das Lesen war in jener Zeit nämlich kein Sehen, sondern Hören. Man las das Ge­schrie­bene Buch­staben für Buch­staben laut vor. Die Schall­wellen ver­lie­ßen den Mund, umrun­deten den Kopf und dran­gen ins Ohr, wo der Text dann gehört und ver­stan­den wurde. Deshalb war es nicht unüblich, sich Texte gleich von einem Sekretär vorlesen zu lassen, wie es Cicero tat.
Wer liest, indem er Buch­staben für Buch­staben rezi­tiert, schreibt auch aku­stisch. Er muß dabei die letzten Zeichen, die er ge­schrie­ben hat, sehen können, da er beim Schreiben nicht in Wörtern denkt, sondern in Ein­zel­lau­ten. Wenn er Rechts­händer ist, muß er deshalb von links nach rechts schrei­ben.
Das ist der Grund, warum wir in Europa und nördlich des semitischen Sprachraums von links nach rechts schrei­ben.
Akustisches Lesen und Schreiben dürfen wir auch den Indern im Ur­sprung un­ter­stel­len, da sie Sil­ben­schrif­ten er­schu­fen und erst später ihr Glück im Bauen tau­sen­der Liga­turen suchten. Und auch für kau­kasi­sche Sprachen wie das Ge­orgi­sche liegt es nahe, weil ag­gluti­nieren­de Spra­chen die Gram­matik durch Ket­ten von mono­funk­tiona­len Suf­fi­xen regeln (k’ats-eb-i Mann-Plural-Nominativ ⇢ [die] Männer), so daß sich keine über­sicht­liche Zahl an Wort­bil­dern ergibt.
Kein Akustisches in semitischen Schriften

Wer ein­wen­det, der Wechsel zur Rechts­läufig­keit könne auch durch die Rechts­händig­keit ver­ursacht worden sein, muß erstens er­klä­ren, warum keine semi­tische Schrift ge­wech­selt hat, obwohl deren Spre­cher auch Rechts­händer sind, und zwei­tens, wa­rum die Ägypter sich so ein­deu­tig für die Links­läufig­keit ent­schie­den haben, obwohl auch sie Rechts­händer waren und zu­dem keinen Ein­fluß einer frem­den Schrift unter­lagen.
Lasen die antiken Semiten nicht auch akustisch? Nein. Das Ägyptische ist zwar keine semi­tische Spra­che, hat aber mit ihnen etwas we­sent­lich ge­mein­sam, was diese Spra­chen wie­der­um von den indo­germani­schen Spra­chen und den ag­glu­tinie­ren­den Spra­chen am Kau­kasus trennt: Ein Wort besteht als Lexem aus drei Kon­sonan­ten. Sie bilden die be­deu­tungs­tra­gende Wur­zel. Da­zwi­schen wer­den Voka­le ein­gefügt, die die Gram­ma­tik bil­den. Darin liegt der Grund, warum die semi­ti­schen Schrif­ten nur die Kon­sonan­ten schrei­ben. Die Vokale ergeben sich nämlich aus dem Zu­sammen­hang. Hier eine gute, schnel­le Er­klä­rung des Prinzips aus Wikipedia:
Die meisten arabischen Wörter bestehen aus drei Wurzelkonsonanten (Radikalen). Daraus werden dann verschiedene Wörter gebildet, bei­spiels­weise kann man unter anderem aus den drei Radi­kalen K-T-B fol­gen­de Wör­ter und For­men bil­den:
KaTaBa: er schrieb (Perfekt)
yaKTuBu: er schreibt (Imperfekt)
KiTāBun: Buch
KuTuBun: Bücher
KāTiBun: Schreiber/Schriftsteller (Einzahl)
KuTTāBun: Schreiber (Mehrzahl)
maKTaBun: Schreibtisch, Büro
maKTaBatun: Bibliothek, Buchhandlung
maKTūBun: Das Geschriebene
Wikipedia: Wortschatz der arabischen Sprache.
Das ist bei den indogermanischen Sprachen seit Ende des Ur­indo­ger­ma­ni­schen anders. Wir können den Vokal einer Wurzel nicht vor­her­sagen: S-N-(N) könnte für Sinn, sann, sein, seine, Sonne, Sohn, Sauna, Senne und einiges mehr ste­hen. Die Flexive liegen bei uns außerhalb der Wurzel, die beim Flek­tieren meistens un­ange­tastet bleibt.
Die indogermanischen Sprachen müssen also jeden Laut für sich schrei­ben, damit der Text gelesen werden kann. Bei der Über­nahme der phö­nizi­schen Schrift für das Grie­chi­sche muß­ten also einige Zeichen für Kon­sonan­ten, die im Grie­chi­schen kei­ne Ent­spre­chung hatten, zu Vo­kal­zei­chen trans­for­miert wer­den. Aus Aleph, im Semi­tischen noch ein Kon­sonant (glot­taler Ver­schluß­laut), wurde so der Vokal Alpha.
Modernes Lesen ist nicht akustisch, sondern visuell

Allerdings lesen wir heute nicht mehr akustisch und Buch­sta­ben für Buch­sta­ben, son­dern in Wort­bil­dern wie die Semi­ten.
Jedenfalls ähnlich wie die Semiten. Wir erfassen beim Lesen nicht die ein­zel­nen Buch­staben eines Wor­tes und er­schlie­ßen uns dann seine Ge­samt­heit erst, wenn wir mit dem letz­ten Buch­staben fer­tig sind. Das ma­chen nur Kin­der, wenn sie gerade erst mit dem Lesen­lernen be­gon­nen haben und es ihnen an Ge­läufig­keit mangelt.
Als fertige Leser erfassen wir Wortbilder, wobei sich ein Wort im Deut­schen meist aus meh­reren Er­ken­nungs­seg­men­ten zu­sam­men­setzt, die wir mit den Augen ab­scannen — in so­genann­ten Sak­kaden, Blicksprüngen.
Daher ist es ein fataler Feh­ler, Kin­der über das An­fangs­stadi­um hinaus liberal nach Ge­hör schrei­ben zu las­sen, wie es an Grund­schu­len neu­er­dings üblich ist. Denn der mo­derne Euro­päer liest eben nicht aku­stisch, son­dern rein visuell — unsere ge­samte Recht­schrei­bung ist nach dieser Eigen­art kon­zi­piert. Wenn Kin­der nach der er­sten Phase des Le­sen­ler­nens nicht zum visu­ellen Sak­kaden­lesen er­mutigt wer­den, werden sie Zeit ihres Le­bens schlecht schrei­ben.
Es kann zwar nicht schaden, wenn man älteren Kindern, die schon flüssig lesen, noch einmal sta­tari­sches, also sehr ge­naues und lang­sames Le­sen bei­bringt, um ihnen zu zeigen, wie ungenau wir heut­zu­tage lesen, aber damit sollte man nicht vor der sieb­ten Klas­se beginnen. Für Ger­mani­sten und Feuil­letoni­sten sollte es al­ler­dings gesetzlich vor­geschrie­ben sein. Speed­reading ver­schlech­tert übri­gens die Lese­genauig­keit noch einmal dra­stisch und ist gerade in der heutigen Zeit ein Schritt in die fal­sche Rich­tung. Wer weniger ge­nauer liest, bringt in einem Meeting jeden Speed­rea­der leicht zu Fall, und zwar asapis­simo.
Das visuelle Lesen, das auch die al­ten Ägyp­ter prak­ti­zier­ten, wie wir aus vielen Merkmalen der Hiero­glyphen­schrift er­ken­nen kön­nen, bietet neben der Ge­schwin­dig­keit weitere Vorteile. Wir knnön auhc druch­gwüerf­tle Wrt­öer net­zffi­ren, woran Cicero si­cher­lich ge­schei­tert wäre, und zudem reicht uns die obere Zackung einer Wort­gestalt, um das Wort zu er­ken­nen, denn genau dieser Be­reich der Schrift ist es, den wir beim Lesen be­blick­springen:
Schaufelradbagger
Wie wir vom akustischen zum visuellen Lesen gekommen sind

Nun muß noch die Frage beantwortet werden, worum wir heute nicht mehr akustisch lesen wie in der An­ti­ke. Als Grund kommt nur die Erfin­dung des Klein­buch­stabens in Frage. Denn was Sie gerade bei der letzten Ab­bil­dung geleistet gaben, funk­tioniert nur mit Klein­buch­staben. Sie geben dem Wort nach oben hin ein deut­liches Profil, das wir uns in der letzten Stufe des Le­sen­lernens einprägen.
Sobald wir Großbuchstaben in einem deutschen Text ent­decken, die keinen Satz, kein Substantiv oder etwas ähnlich Kon­ven­tionel­les ein­leiten, wechseln wir sogleich vom visu­ellen zum aku­sti­schen Le­sen: S-Kurve lesen wir nicht /skurwe/, sondern /ess-kurwe/ (mehr dazu finden Sie hier).
So nimmt es auch nicht wunder, daß nur wir sowohl Groß- als auch Klein­buch­staben benutzen, während es diesen Un­ter­schied in den semi­ti­schen Schrif­ten nicht gibt, weil diese Schrif­ten das aku­sti­sche Le­sen in ihrer Ent­wick­lung aus­gelas­sen haben.
Die arabische Schrift ist eine Klein­buch­staben­schrift und ebenso die he­brä­ische Hand­schrift. Nur auf Stra­ßen­schil­dern, in der Tora und in Druck­wer­ken finden sich die ver­sa­lien­arti­gen Zei­chen, die man vom He­bräi­schen als Laie kennt.
Kursivhebräisch
Bereschit, im Anfang (schuf Gott Himmel und Erde), das erste Wort der Bibel (Genesis 1.1).
Sie verdanken ihre Existenz wohl dem Umstand, daß die heutigen Israelis mit Mann und Maus aus Europa stammen und sie in der Dia­spora ver­streut nicht wei­ter­entwickelt ha­ben. Wäre das heu­tige Is­rael keine Neu­grün­dung, son­dern ohne Unter­bre­chung das alte Kö­nig­reich Judäa, gäbe es wohl nur die Hand­schrift mit stär­kerer Liga­turi­sie­rung, wie sie dem Ara­bi­schen eigen ist.
Kursivhebräisch
Kursivhebräisch von Sarah Silverman: Why are your hands so freakishly big?
Hier spielt wohl auch eine Rolle, daß die typische Gestalt der arabi­schen Schrift bereits ein­getreten war, bevor sie zur Schrift des Korans wurde, wäh­rend die hebrä­ische Schrift be­reits viel frü­her durch die Tora als Re­zi­ta­tions­schrift kon­ser­viert und dann kal­li­gra­fisch ka­noni­siert wurde.
Ähnlich ist es der koptischen Schrift ergangen. Während die grie­chi­sche Schrift in Grie­chen­land stetig wei­ter­ent­wickelt wurde und heute die­selbe mo­der­ne ästhe­tische Viel­falt wie die latei­nische auf­weist, blieb die koptische Schrift, die im Grunde die grie­chi­sche mit weni­gen Son­der­zei­chen ist, in der Strich­füh­rung auf dem Stand des frü­hen Chri­sten­tums stehen.
Kursivhebräisch
Koptisch wird heute noch nicht geschrieben, son­dern ge­schnör­kelt.
Der Inhalt der koptischen Texte ist übrigens genauso verkorkst.
Warum ist keine europäische Schrift wieder zur Links­läufig­keit zu­rück­ge­kehrt, nach­dem das aku­stische Le­sen auf­gege­ben wur­de?
Die Antwort ist ganz einfach: Eine Schrift braucht keinen Grund, sich nicht in ihrem in­ner­sten Wesen zu ver­ändern. Auf kei­nen Fall ist der Vor­teil, daß man mit der rech­ten Hand von links nach rechts un­verkrampf­ter schreibt, ein sol­cher Grund.
Trotz der entgegengesetzten Leserichtungen ist den se­miti­schen und eu­ra­si­schen Alpha­bet­schriften eines ge­mein­sam, und das hat tat­säch­lich mit der Do­mi­nanz der rechten Hand zu tun: Die Ge­stalt der Schrift­zeichen im Ein­zel­nen ist seit den ägyp­ti­schen Hiero­gly­phen auf die rechte Hand aus­ge­richtet. Das sieht man auch an der Strich­stärken­vari­anz und Strich­füh­rung der Zei­chen links­läufiger Schrif­ten wie der ara­bischen und hebrä­ischen. Hier noch einmal das hebräische Beispiel:
Kursivhebräisch
Man liest von rechts nach links. Dennoch ist der Ur­sprung jedes einzel­nen Zei­chens links und nicht rechts, und zwar sowohl beim Le­sen als auch beim Schrei­ben. Be­trach­ten Sie die Strich­stärken­varianz: Der Strich wird dort dicker, wo ein Rechts­hän­der den Stift be­quem zie­hen kann, wäh­rend ihn ein Links­händer schie­ben muß. Die­ses Schie­ben ist sogar mit heu­tigen Fül­lern noch be­schwer­lich, mit einer Schreib­binse, einem Fe­der­kiel oder ähn­lichem antiken Ge­rät ist es eine Zu­mutung.
Links­händer ha­ben es also in den links­läu­figen Schrif­ten auch nicht leich­ter.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s